Atypische Beschäftigungsverhältnisse breiten sich immer weiter aus

Aktueller »Arbeitslosenreport NRW« belegt: Fast jeder vierte Erwerbstätige in NRW arbeitet in Leiharbeit, Mini-Jobs, Teilzeit oder befristeten Beschäftigungsverhältnissen

15.12.2014

Deutlich mehr atypisch Beschäftigte
Waren in NRW im Jahr 2003 noch etwa 1,4 Millionen Menschen atypisch beschäftigt, ist ihre Zahl zehn Jahre später auf 1,7 Millionen angewachsen. Demgegenüber ist der Anteil der atypisch Beschäftigten an allen Erwerbstätigen von 20 Prozent im Jahr 2003 auf 23 Prozent im Jahr 2013 angestiegen. Leiharbeit, Mini-Jobs, Teilzeitbeschäftigung und befristete Beschäftigungsverhältnisse zählen zu den sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Bei derartigen Beschäftigungsformen besteht häufig die Gefahr einer prekären Beschäftigung. Studien zeigen, dass in Mini-Jobs, bei Leiharbeit oder Teilzeitbeschäftigungen oft besonders wenig verdient wird. Mini-Jobs bieten nur geringe berufliche Perspektiven; oft werden den Mini-Jobbern grundlegende Arbeitnehmerrechte wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Pausenzeiten und bezahlter Urlaub vorenthalten. Mini-Jobber haben das höchste Niedriglohnrisiko.

Mehr als jeder vierte Hartz IV-Empfänger stockt auf
Über 300.000 der 1,16 Millionen Hartz IV-Empfänger in NRW gehörten im April 2014 zu den Aufstockern, die trotz Erwerbstätigkeit auf Grundsicherungsleistungen angewiesen waren. 42 Prozent der Aufstocker sind in einem Mini-Job beschäftigt. Nur 14 Prozent der Aufstocker sind in Vollzeit erwerbstätig. In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Aufstocker insgesamt leicht angestiegen.

Arbeitslose müssen sich vor allem mit Stellen in der Leiharbeitsbranche begnügen
Etwa jeder fünfte Arbeitslose, der 2013 in NRW eine Arbeit aufnahm, kam in der Leiharbeitsbranche unter. Bei Hartz IV-Empfängern sind dies sogar 25 Prozent. Jede dritte der Bundesagentur für Arbeit gemeldete offene Stelle in NRW entfällt mittlerweile auf die Leiharbeitsbranche. Weitere Daten, Fakten und Studien belegen, dass fast die Hälfte der Leiharbeitsverhältnisse bereits nach weniger als drei Monaten wieder beendet wird. Außerdem sind die Löhne hier besonders niedrig und der Anteil der Aufstocker unter den Leiharbeitern ist überdurchschnittlich hoch.

Damit ist Leiharbeit nur selten eine Brücke in den regulären Arbeitsmarkt und ermöglicht nur wenigen Personen gesicherte Beschäftigungsverhältnisse.

»Als soziale Dienstleister etwa im Bereich der Pflege unterliegen wir als Freie  Wohlfahrtspflege sogar selbst so starken ökonomischen Zwängen aufgrund gesetzlicher und fördertechnischer Vorgaben, dass auch bei unseren Sozialunternehmen die Zahl der Teilzeitstellen angestiegen ist«, so Jutkeit. Was aus betrieblicher Sicht oder sogar auch für den einzelnen Erwerbstätigen akzeptabel sein mag, ist jedoch soziapolitisch problematisch. »Aus unserer gesellschaftlichen Verantwortung heraus haben wir die Verpflichtung, auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen. Wir setzen uns daher für ein sozial gerechtes Handeln, Beschäftigen und Entlohnen ein. Gerade deswegen engagieren wir uns politisch für auskömmliche Rahmenbedingungen in der Pflege und anderen sozialen Arbeitsfeldern.«

Hintergrund:

Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den »Arbeitslosenreport NRW«. Darin enthalten sind aktuelle Zahlen und Analysen für Nordrhein-Westfalen; Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Jede Ausgabe widmet sich einem Schwerpunktthema. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und SBGII-Hilfequoten, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Arbeitslosenreport NRW sowie übersichtliche Datenblätter mit regionalen Zahlen können im Internet unter www.arbeitslosenreport-nrw.de heruntergeladen werden.

Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut für Bildungs- und Sozialpolitik (IBUS) der Hochschule Koblenz. Ziel der regelmäßigen Veröffentlichung ist es, den öffentlichen Fokus auf das Thema Arbeitslosigkeit als wesentliche Ursache von Armut und sozialer Ausgrenzung zu lenken, die offizielle Arbeitsmarkt-Berichterstattung kritisch zu hinterfragen und dabei insbesondere die Situation in Nordrhein-Westfalen zu beleuchten.