Freie Wohlfahrtspflege NRW: Sozialarbeit ist Demokratiearbeit

Düsseldorf, 20. Februar 2019. Die multiplen Krisen der Gegenwart und der Aufstieg des Rechtspopulismus fordern die Freie Wohlfahrtspflege heraus. Es gilt, Haltung zu zeigen und Demokratie neu zu lernen und zu leben.

20.02.2019

100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Verbänden und Handlungsfeldern der Freien Wohlfahrtspflege aus ganz Nordrhein-Westfalen waren ins Dietrich-Keuning-Haus in die Dortmunder Nordstadt gekommen. Die Überschrift der Fachtagung lautete „Haltung zeigen – Für demokratische, christliche und humanistische Werte in der Bildungs- und Sozialarbeit“. In den Impulsen aus der Wissenschaft wie auch den Praxis-Workshops wurde deutlich, dass politische Bildung in der Freien Wohlfahrtspflege als Kernanliegen in Theorie und Praxis neu verankert werden muss.

„In der Weimarer Republik gab es nicht genug Demokratinnen und Demokraten“, erinnerte Christian Woltering, Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Die soziale Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege müsse mehr sein als Bekämpfung sozialer Schieflagen. Der Einsatz für Bedürftige, Demokratie und Wohlfahrtsstaat bildeten einen unauflöslichen Zusammenhang. „Die Wohlfahrtsverbände“, so Woltering, „sind auch politische Verbände.“ Es gelte, Widerstand zu leisten gegen Diskriminierung wie auch vor allem gegen Gleichgültigkeit. Dieser Widerstand beruhe auf Haltung und führe zum Handeln.

„Ich erlebe einen subtilen Alltagsrassismus“, berichtete Michael Taranczewski, Vorsitzender des Sozialausschusses der Stadt Dortmund und selber langjährig in der Jugendhilfe aktiv, in seinem Grußwort. Er wünschte sich die Renaissance einer kritischen Sozialarbeit.

Die von Oliver Baiocco, Vorsitzender des LAG-Bildungsausschusses, in seinem Eingangs-Statement angemahnten „neuen Ideen“ für Selbstverständnis und Praxis der Freien Wohlfahrtspflege wurden in sechs Foren praxisnah diskutiert. Die Frage, wie Werteerziehung gegen Radikalisierungsprozesse und Entsolidarisierung entwickelt werden kann, stand dabei in den Workshops im Vordergrund.

So stellte beispielsweise Theo Damm vom Caritasverband für die Diözese Münster das Caritas-Projekt „First Step – Demokratie bewusst leben“ vor. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass auch die Verbände, Dienste und Einrichtungen eines christlichen Wohlfahrtsverbandes mit seinen hauptamtlich und ehrenamtlich Mitarbeitenden und mit all seinen Klientinnen und Klienten Spiegelbild der ganzen Gesellschaft sind. Das verbreitete Selbstbild im Sinne von „Wir sind die Guten“ sei für die Soziale Arbeit zu hinterfragen, politische Bildung dürfe man nicht an die Bundeszentrale für politische Bildung delegieren, sondern müsse sie neu im Verband verankern, auch wenn das Kraft koste. Das Schreckbild des Untergangs der Weimarer Republik, das bei der Fachtagung immer wieder beschworen wurde, hat auch bei dieser „Blended-Learning-Qualifizierung“ zur Demokratieförderung bei der Caritas Pate gestanden, denn die Präsenzmodule und die Online-Phasen werden in Zusammenarbeit mit der Initiative „Gegen Vergessen – für Demokratie“ durchgeführt.