Wohlfahrtspflege warnt: Krise verstärkt Suchtgefahren

Vor einem deutlichen Anstieg der Suchtgefahren in der Corona-Krise warnt die Freie Wohlfahrtspflege. „Kontaktbeschränkungen, Home-Office, Familienstress und Sorge um den Arbeitsplatz sind einige der Faktoren, die das Risiko einer Suchterkrankung fördern“, sagt der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Dr. Frank Johannes Hensel. Ein gut ausgebautes Netz von kommunalen Suchtberatungsstellen könne vielen Betroffenen helfen. Doch das müsse kostendeckend und verlässlich finanziert sein, so die Forderung zum Aktionstag Suchtberatung „Kommunal wertvoll!“ am 4. November.

03.11.2020

„Trotz des Lockdown im Frühjahr ist es den Suchtberatungsstellen gelungen, ihre Unterstützungsleistungen und Beratungen weitgehend aufrecht zu halten“, sagt Ralph Seiler, Vorsitzender des Arbeitsausschusses Drogen und Sucht der LAG Freie Wohlfahrtspflege. Dabei hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter großes Engagement und enorme Kreativität bewiesen: „Als die Beratungsstellen die Kontakteinschränkungen umsetzten mussten, sind die Sozialarbeiter auf Telefonberatung umgestiegen. Für manche Klienten war das sogar leichter als vorher“, sagt Seiler. Andere hätten Beratungen ins Freie verlegt – Spaziergänge hätten sich als niedrigschwellige Methode erwiesen, die dringend notwendigen persönlichen Kontakte zu ermöglichen.

„Wir wissen, dass es in dieser Zeit eine ansteigende Suchtproblematik im häuslichen Umfeld gegeben hat,“ berichtet Seiler. Untersuchungen hätten gezeigt, dass mehr Alkohol gekauft worden sei. Und auch aus den Gruppen und Verbänden der Suchtselbsthilfe wurde berichtet, dass im Frühjahr fast alle Treffen ihrer Selbsthilfegruppen ausfallen mussten und dies zu vielen Problemen und natürlich auch Rückfällen geführt habe. „Alles das macht uns jetzt Sorge mit Blick auf den Winter“, warnt Seiler. Soziale Kontrolle am Arbeitsplatz, ein strukturierter Tagesablauf, Entlastung bei der Kinderbetreuung – alles das sind Faktoren, die einen positiven Einfluss auf das Suchtverhalten haben und die jetzt wieder eingeschränkt werden“, sagt Seiler. Einsamkeit aufgrund von Kontaktsperren, die dunkle Jahreszeit, aber auch die Dynamik der Ängste in der Pandemie, dazu Sorgen um den Lebensunterhalt und Zukunftsperspektiven würden ziemlich sicher dazu führen, dass die Suchtproblematik steigt. „Dabei geht es nicht nur um den zunehmenden Alkoholkonsum im häuslichen Umfeld, sondern auch z. B. um problematischen und pathologischen Internet- und PC-Gebrauch und die Glücksspielsucht. All das braucht in diesen Zeiten auch dringend unsere Aufmerksamkeit“, so Seiler.

Doch die wichtige Arbeit der ambulanten Sucht- und Drogenhilfen sei angesichts klammer Kassen in den Kommunen gefährdet. Die Refinanzierung sei als freiwillige Leistung der Kommunen teils prekär, oft unsicher. „Gute Beratung für Suchtkranke und ihre Familien ist der erste Schritt raus aus der Sucht und rein in ein gesundes Leben“, so Seiler. Mit dem Aktionstag Sucht wollen die Suchtberatungsstellen den Dialog mit der Politik in den Kommunen fördern. „Wir brauchen neben der verlässlichen Finanzierung der Suchtberatung auch die Förderung von Präventionsangeboten in Schulen und für Arbeitgeber sowie Angehörigenberatung und Unterstützung von Kindern aus suchtbelasteten Familien“, sagt Seiler.

Der bundesweite Aktionstag Suchtberatung steht unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und findet erstmalig am 04. November 2020 mit dem Motto "Kommunal wertvoll!" statt.

Ziel des Aktionstags Suchtberatung ist es, Suchtberatungsstellen und Politik in den Kommunen miteinander in einen Dialog zu bringen. Dabei soll mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen deutschlandweit auf die Dringlichkeit der (Weiter-) Finanzierung und die Zukunftssicherung der Suchtberatungsstellen aufmerksam gemacht werden.

Hintergrund: In NRW gibt es 173 Einrichtungen der ambulanten Suchthilfe, die 80.166 Menschen betreuten (Stand 2018). Die Hilfen erreichen Menschen mit eigenen Suchtproblemen (89 %) und Personen aus ihrem sozialen Umfeld (11 %). 90 Prozent der Einrichtungen sind in Trägerschaft der Freien Wohlfahrtspflege.

In Nordrhein-Westfalen gibt es mehr als vier Millionen Suchtkranke. Sie sind vor allem abhängig von Alkohol, Tabak oder Medikamenten. Weniger als ein Prozent der Suchtkranken sind von illegalen Drogen abhängig. Mindestens zwei Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen haben Alkoholprobleme und etwa 400.000 gelten als alkoholabhängig. Rund 100.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen weisen ein problematisches oder pathologisches Glücksspielverhalten auf. Mehrere zehntausend Menschen in Nordrhein-Westfalen sind abhängig von illegalen Drogen. (Quelle: MAGS)

In der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW haben sich 16 Spitzenverbände in sechs Verbandsgruppen zusammengeschlossen. Mit ihren Einrichtungen und Diensten bieten sie eine flächendeckende Infrastruktur der Unterstützung für alle, vor allem aber für benachteiligte und hilfebedürftige Menschen an. Ziel der Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist die Weiterentwicklung der sozialen Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Sicherung bestehender Angebote. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW weist auf soziale Missstände hin, initiiert neue soziale Dienste und wirkt an der Sozialgesetzgebung mit.