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Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege des Landes Nordrhein-Westfalen e. V. | Detail

Teilhabe im Alter - Politik-Talk der Freien Wohlfahrtspflege NRW

Duisburg, 02.02.2024. In Nordrhein-Westfalen ist jeder vierte Mensch älter als 65 Jahre alt, Tendenz steigend. Die meisten Seniorinnen und Senioren leben selbstständig zu Hause. Doch die offene soziale Altenarbeit spielt in der Kommunal- und Sozialpolitik lediglich eine untergeordnete Rolle. Über Notwendigkeiten, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für eine gelungene Teilhabe im Alter diskutierten am Donnerstag (1. Februar) Vertreterinnen und Vertreter der Freien Wohlfahrtpflege in NRW zusammen mit der Landespolitik.

Im Livetalk mit Moderator Michael Brocker sprachen Cornelia Harrer (Fachausschuss Senioren der Freien Wohlfahrtspflege NRW), Claudia Hartmann (Senioren- und Generationenreferat des Diakoniewerks Essen) und Carolin Herrmann (Schnittpunkt/Alter Strategische Projektberatung) zusammen mit Thorsten Klute (SPD-Landtagsfraktion NRW), Mehrdad Mostofizadeh (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im NRW-Landtag) und Marco Schmitz (CDU-Landtagsfraktion NRW).

„Viele genießen ihren Ruhestand in vollen Zügen und sind aktiv.“

Hartmut Krabs-Höhler, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW, betonte einleitend die Bedeutung älterer Menschen für das Gemeinwohl einer Kommune: „Menschen über 60 Jahre leisten bedeutende Beiträge für das Gemeinwesen. Wir wissen, dass Menschen, die in den Ruhestand gehen, unter Umständen über 20 Jahre ein relativ gesundes und selbstbestimmtes Leben führen können. Viele genießen ihren Ruhestand in vollen Zügen und sind aktiv. Sie unterstützen nicht nur ihre Familien, sondern engagieren sich auch überdurchschnittlich häufig ehrenamtlich, sei es in traditionellen Ehrenämtern, Quartiersprojekten oder bei Initiativen. Ältere Menschen interessieren sich für das Leben vor Ort und tragen maßgeblich zum Zusammenhalt bei. Eine Voraussetzung ist dabei die Begegnung vor Ort.“

„Räume, Ressourcen, Begleitung, Unterstützung“

Claudia Hartmann vom Senioren- und Generationenreferat des Diakoniewerks Essen verwies auf die Notwendigkeit, die Bedürfnisse der älteren Menschen vor Ort wahrzunehmen, statt nur über sie zu sprechen. „Wir müssen die Menschen fragen ‚Was möchten Sie?‘ und sie nicht in vorhandene Angebote vermitteln“, so Hartmann. Denn die Wünsche ältere Menschen werden klar formuliert: „Ältere Menschen wollen ihre Interessen selbst umsetzen können. Dafür brauchen sie Räume, Ressourcen, Begleitung und Unterstützung. Das kann Engagement für den Stadtteil sein, aber auch die Möglichkeit, Interessen miteinander zu teilen, Ideenentwicklung, Kompetenzentfaltung, Einbringen in die Gesellschaft und vieles mehr. Senioren-Netzwerke sind hier wichtige Instrumente, um Kontakte zu knüpfen und Teilhabe zu ermöglichen.“

Ungleiche Teilhabe in NRW

Doch die Umsetzung der Teilhabe im Alter findet in ganz NRW sehr unterschiedlich statt, kritisierte Cornelia Harrer vom Fachausschuss Senioren der Freien Wohlfahrtspflege NRW. „Wir müssen erreichen, dass wir in allen Städten und Gemeinden vergleichbare Altenhilfestrukturen schaffen.“ Häufig sei die Freie Wohlfahrtspflege vor Ort Impulsgeber für eine gut ausgebaute Altenhilfestruktur. Dazu brauche es aber engagierte Politikerinnen und Politiker im Verbund mit der Verwaltung.

„Die Generation der Senioren wird bunter, diverser.“

Carolin Herrmann (Schnittpunkt/Alter Strategische Projektberatung) bekräftige diese Kritik und betonte: „Es sollte egal sein, wo Seniorinnen und Senioren leben. Ich wünsche mir ein bestimmtes Basisangebot der Kommunen für ältere Menschen. In jeder Kommune sollte der Rat zusammen mit der Seniorenvertretung und aktiven alten Menschen ein solches Basisangebot beschließen. Aber: Wir wissen doch, dass die Teilhabemöglichkeiten älterer Menschen je nach Wohnort sehr unterschiedlich verteilt sind.“ Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass die Generation der Senioren immer bunter und diverser wird. „Das bedeutet, dass sich auch die Angebotsstruktur darauf einstellen muss“ so Herrmann.

Gesundheitsregionen für NRW

Marco Schmitz (CDU-Landtagsfraktion) verwies auf die Schaffung von Gesundheitsregionen, die durch die NRW-Landesregierung angestrebt werde. „In diesen Gesundheitsregionen in NRW werden wir gemeinwohlorientierte, multiprofessionelle Gesundheitszentren als Modellprojekte fördern. Die Gesundheitszentren bieten Leistungen für Menschen jeden Alters an. Eine wichtige Zielgruppe sind hochbetagte Menschen, die meist neben der medizinischen Versorgung auch Pflege und alltagsunterstützende Leistungen brauchen. Hier geht es darum, eine ganzheitliche Beratung anzubieten“ betonte Schmitz. Hier gehe es nicht nur um die Vermittlung zu Pflegeangeboten. „Zur Beratung muss auch gehören ‚Wie gestalte ich mein Leben im Alter?‘“ so Schmitz.

„Die Quartiersförderung wollen wir stärken.“

Mehrdad Mostofizadeh (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im NRW-Landtag) unterstrich die Notwendigkeit, Angebote von den betroffenen Menschen aus zu denken und zu planen. Er sagte: „Ältere Menschen bringen sich in unsere Gesellschaft ein, sie mischen mit und sind aktiv. Darum ist die Teilhabe im Alter so wichtig. Dafür braucht es nicht nur die gute Zusammenarbeit von Kommunen und Land, sondern auch hauptamtliches Personal. Die Quartiersförderung wollen wir stärken und dafür auch Stellen bereitstellen.“

„Die Landesregierung muss aus dem Ankündigungsstadium herauskommen.“

Thorsten Klute (SPD-Landtagsfraktion) kritisierte die regierungstragenden Fraktionen aus CDU und Grüne. „Die Landesregierung muss endlich aus dem Ankündigungsstadium herauskommen und ins Umsetzen gehen“ so Klute. Er unterstützt die geplanten Gesundheitsregionen der Landesregierung. Zugleich kritisierte er die Vielzahl der Modellprojekte der Landesregierung und verwies auf bereits bestehende Projekte. In Rheinland-Pfalz gebe es etwa das Angebot „Gemeindeschwester plus“. Das Angebot richtet sich an hochbetagte Menschen, die noch keine Pflege brauchen, sondern Unterstützung und Beratung in ihrem aktuellen Lebensabschnitt. Die Fachkraft besucht die Menschen nach deren vorheriger Zustimmung zu Hause und berät sie kostenlos und individuell. „Das Konzept kann Einsamkeit, aber auch Pflege vermeiden“ lobte Klute das Konzept als Best-Practice-Beispiel.

Die Teilhabe älterer Menschen ist ein Zukunftsthema, das an Relevanz zunimmt. Dafür braucht es die richtigen politischen Rahmenbedingungen und Konzepte. Es braucht aber auch den Dialog zwischen der Freien Wohlfahrtspflege und der Landespolitik von Nordrhein-Westfalen. Der Politik-Talk hat hierfür einen Austausch geschaffen, an den es sich lohnt, anzuknüpfen.

Talk verpasst? Kein Problem. Der Talk steht als Aufnahme zur Verfügung: www.freiewohlfahrtspflege-nrw.de/teilhabe

 

Hintergrundinfo

In der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW haben sich 16 Spitzenverbände der sechs Verbandsgruppen Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Paritätischer, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk und Jüdischer Gemeinden zusammengeschlossen.

Die Freie Wohlfahrtspflege NRW weist auf soziale Missstände hin, initiiert neue soziale Dienste und wirkt an der Sozialgesetzgebung mit. Mit ihren Einrichtungen und Diensten bietet sie eine flächendeckende Infrastruktur der Unterstützung für alle, vor allem aber für benachteiligte und hilfebedürftige Menschen an. Ziel der Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist die Weiterentwicklung der sozialen Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Sicherung bestehender Angebote.

www.freiewohlfahrtspflege-nrw.de