"Den gesellschaftlichen Fliehkräften die Stirn bieten"

Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW (LAG FW) hat seit Jahresbeginn einen neuen Vorsitzenden. Dr. Frank Johannes Hensel, Kölner Diözesan-Caritasdirektor, möchte in seiner zweijährigen Amtszeit vor allem eines: den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

14.01.2020

Herr Dr. Hensel, warum braucht unsere Gesellschaft im Jahr 2020 eine Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege?

Dr. Frank Johannes Hensel: Die Sicherheit, dass es gerechte und faire Chancen für alle Menschen gibt und das Vertrauen auf Hilfeleistungen bei persönlicher Not – beides zusammen bildet das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dafür tritt die Freie Wohlfahrtspflege NRW mit vielen ehrenamtlichen und beruflichen Kräften in zahlreichen Diensten jeden Tag ein. Die Herausforderungen, vor denen das Land steht, sind enorm. Fehlende oder schlechte Arbeitsverhältnisse, drängende Ängste durch Armut und Krankheit und eine verbreitete soziale Isolation sind Merkmale der Ausgrenzung und Einsamkeit, gegen die der einzelne Mensch allein nicht mehr ankommt. Dazu braucht es Solidarität und Miteinander. Obwohl dies für jeden so einsichtig und klar ist, gibt es dennoch politisches Handeln und Unterlassen, das zur gesellschaftlichen Spaltung beiträgt. Viele Menschen fühlen sich abgehängt mit allen unberechenbaren politischen, ökonomischen und sozialen Folgen. Gerade in dieser Zeit kommt dem Gemeinwohl, auch wenn der Begriff verstaubt klingen mag, eine entscheidende Bedeutung zu. Es gilt, der sozialen Spaltung im Land entgegen zu wirken und Anschluss für die Abgehängten zu schaffen, um die Menschen wieder einander näher zu bringen und die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Wie kann das gelingen?

Dr. Frank Johannes Hensel: Die Freie Wohlfahrtspflege muss den politischen und gesellschaftlichen Fliehkräften die Stirn bieten und mit ihrer hohen fachlichen und organisatorischen Professionalität für die Zukunft möglichst vieler Menschen einstehen. Das gilt für jeden einzelnen Wohlfahrtsverband und als Landesarbeitsgemeinschaft. Wir verstehen uns als Solidaritätsstifter und auch als Berater für die Politik. Denn wir sind nah dran an den Menschen. Wir kennen die persönlichen Nöte und sind somit glaubwürdiges Frühwarnsystem für gesellschaftliche Schieflagen.

Warum haben trotz hoher Beschäftigungszahlen viele Menschen keinen Anteil am wachsenden Wohlstand?

Dr. Frank Johannes Hensel: Arbeit ist längst kein Garant mehr für die Existenzsicherung oder gar für Wohlstand. In NRW waren 2018 mehr als 16 Prozent der Bevölkerung arm oder von Armut bedroht; heißt, sie hatten weniger als 1006 Euro im Monat zur Verfügung. Bei Kindern sind die Zahlen noch dramatischer – und das schon seit Jahren: Jede und jeder fünfte Minderjährige ist auf Sozialleistungen angewiesen. In Gelsenkirchen liegt diese Quote sogar bei 40,5 Prozent. Auch bei Menschen über 65 Jahren steigt die Zahl derer stetig, die Leistungen der Grundsicherung im Alter beziehen. Viele Menschen bei uns im Land stehen Monat für Monat vor einem finanziellen Überlebenskampf, ausgelöst durch prekäre Beschäftigung mit Minijobs, Befristungen, Teilzeit- oder Leiharbeit. Neben der großen Kluft zwischen Gering- und Besserverdienenden ist die scheinbare Ausweglosigkeit vieler Langzeitarbeitsloser ein weiterer Grund für Armut und damit fehlende Teilhabe.

Wie wirkt sich das gesellschaftlich aus?

Dr. Frank Johannes Hensel: Von der Politik kaum wahrgenommen, von der Gesellschaft als Verweigerer oder Versager stigmatisiert, fühlen sich Betroffene oft nutz- und wertlos. Sie denken, sie taugen nichts und ziehen sich in der Folge immer mehr zurück. Das erklärt, warum Armut krank machen kann. Menschen, die außen vor sind, laufen Gefahr, sich am Ende auch selbst zu vernachlässigen. Es ist ja längst nachgewiesen, dass arme Menschen deutlich früher sterben.

Diese Entwicklung ist auch eine Gefahr für unsere Demokratie: Wer das Gefühl hat, nicht teilhaben zu können an der Gesellschaft, wird sich auch von den Koalitionen etablierter Parteien wenig versprechen.

Ein Teufelskreis.

Dr. Frank Johannes Hensel: Ja, viele Menschen glauben immer noch, dass Armut etwas mit persönlicher Schuld oder Pech zu tun hat. Dabei ist Armut alles andere als die Summe persönlicher Einzelschicksale ohne gesellschaftlichen Hebel zur Verbesserung. Armut ist in hohem Maße ein Systemfehler, der menschengemacht ist und daher auch von Menschen verringert und weitgehend beseitigt werden kann.

Nelson Mandela hat einmal gesagt: „Die Überwindung der Armut ist keine Geste der Wohltätigkeit. Sie ist eine Tat der Gerechtigkeit.“ Das ist der Ansatz, den die Wohlfahrtspflege verfolgt. Gesetze und Rahmenbedingungen kann man so ändern, dass mehr Menschen die Teilhabe an der Gesellschaft möglich wird. Dazu muss zum Beispiel auch das Bildungssystem in NRW beitragen: Der Bildungsabschluss eines Kindes darf nicht weiter so deutlich von Einkommen und Status der Eltern abhängen. Voraussetzung ist gut ausgebildetes und attraktiv entlohntes Personal in Kitas und Schulen, damit mehr Kinder ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechend gefördert werden.

Was muss noch geschehen?

Dr. Frank Johannes Hensel: Zugangschancen für alle Kinder und Jugendlichen verbessern geht, indem sie zahlreiche öffentliche Einrichtungen wie Schwimmbäder, Theater, Vereine oder Zoos kostenlos nutzen dürfen. Das gilt auch für den öffentlichen Nahverkehr mit Bussen und Straßenbahnen, denn die enorm eingeschränkte Mobilität ist eines der deutlichsten Kennzeichen von Armut und Ausgrenzung. Die Kommunen sind eingeladen, mithilfe des Landes ihre Familien- und Klimafreundlichkeit mit handfester Sozialpolitik zu verbinden.

Und das Land sollte sich auf der Bundesebene dafür einsetzen, dass die Regelsätze für die Menschen in der Grundsicherung im Alter oder für Arbeitssuchende bedarfsgerechter ausgestaltet und berechnet werden. Hierzu gehört auch, sich für höhere Mindestlöhne einzusetzen und eine generelle Sozialversicherungspflicht aller Beschäftigungsverhältnisse.

Sie sprachen gerade die Bundesebene an. Gibt es hier nicht auch Hoffnung? Das Bundesverfassungsgericht hat menschenunwürdige Hartz-IV-Sanktionen angemahnt.

Dr. Frank Johannes Hensel: Die Wohlfahrtsverbände haben die Entscheidung aus Karlsruhe im Herbst letzten Jahres natürlich gerne registriert, denn sie sehen sich in ihrer Forderung nach der Abschaffung der besonders harten Strafmaßnahmen bestätigt. Leistungsentzug ist existenzgefährdend. Er verschärft Armut und trägt zum gesellschaftlichen Absturz bei. Doch das Urteil lässt Sanktionen gegen junge Hartz-IV-Empfängerinnen und -empfänger unter 25 Jahren unberührt, obwohl diese besonders oft betroffen sind.

Ein wichtiges Datum in Ihrer Amtszeit ist der 13. September 2020. Bei den Kommunalwahlen in NRW werden die Vertretungen der Städte, Gemeinden und Kreise gewählt. Wie sehen Sie hier die Rolle und Aufgabe der Freien Wohlfahrtspflege?

Dr. Frank Johannes Hensel: Es ist zu hoffen, dass möglichst viele Wähler mitentscheiden wollen und auf soziale Aussagen achten. Die Wohlfahrtsverbände werden aufmerksam verfolgen, wie sich die politischen Parteien im Wahlkampf positionieren und welche Versprechen sie in der Sozialpolitik machen. Nicht nur Bürgerinnen und Bürgern, auch die Wohlfahrtsverbände werden die Parteien an diesen Aussagen messen. Das Ziel ist klar: Grundsätzlich gilt es, für soziale Gerechtigkeit und ähnliche Lebens-, Bildungs- und Gestaltungschancen aller Bürgerinnen und Bürger einzutreten.

Welche politischen Themen sind für Sie darüber hinaus von Bedeutung?

Dr. Frank Johannes Hensel: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum wird noch länger ein Thema für die Freie Wohlfahrtspflege sein. Hier gilt es, reale Lösungen für den Erhalt und die Bereitstellung von Wohnraum mit den Kommunen und dem Land zu entwickeln, damit Menschen entweder ihr Zuhause behalten oder eines bekommen können.

Die Fragen stellte Marco Eschenbach

Der neue Vorsitzende der LAG: Dr. Frank Johannes Hensel