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Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege NRW zur Anhörung des Wissenschaftsausschusses anlässlich der Weiterbildungskonferenz am 28.09.2026 zum Thema „Weiterbildung für alle“

Ausdrücklich wird begrüßt, dass das Thema „Weiterbildung für alle“ und damit auch das Thema Bildungsgerechtigkeit in der diesjährigen Weiterbildungskonferenz im Fokus steht. (Stand 1. September 2026)

Vorbemerkungen

Gesellschaftliche Transformationen, wie die Digitalisierung im Arbeits- und Privatleben und die damit verbundene schnelle Entwicklung in vielen Berufs- und Alltagsfeldern, sowie Veränderungen auf politischer und globaler Ebene, wie Kriege, wirtschaftliche Konflikte und das Erstarken antidemokratischer Kräfte, prägen den Alltag der Menschen in NRW. Vor dem Hintergrund dieser rasanten und erheblichen Entwicklungen treffen Unsicherheiten und Zukunftsängste auf den Wunsch des Mithaltens im Wandel. Lebenslanges Lernen ist dabei die Grundvoraussetzung für Teilhabe und Resilienz – individuell und gesellschaftlich.

Einrichtungen der allgemeinen Weiterbildung, politischen Bildung und Familienbildung der LAG FW NRW adressieren täglich viele Menschen in verschiedensten Lebenslagen.1 Besonders im Blick sind dabei niedrigschwellige Angebote, beispielsweise zu digitalen und finanziellen Kompetenzen für junge Erwachsene, zur Digitalisierung des Alltags für ältere Menschen oder zum Umgang mit digitalen Medien im Alltag für Familien. Kooperationen mit Akteur*innen vor Ort bieten Menschen, die von klassischen Komm-Strukturen nicht erreicht werden, passgenaue und teils beitragsfreie Zugänge zu Angeboten der Grundbildung, Alphabetisierung, Familienbildung oder auch kulturellen und politischen Bildung.

Gleichzeitig sind Formen und Folgen ungleicher Bildungszugänge auf struktureller und konkreter Ebene bekannt und werden gesellschaftspolitisch diskutiert. Studien dokumentieren den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungschancen und Bildungsniveaus einerseits sowie sozioökonomischem Status andererseits.2

Auch der jüngst veröffentlichte Familienbericht NRW (2026)3 unterstreicht die zentrale Rolle von Bildung und Weiterbildung sowohl für die Armutsbekämpfung als auch für gesellschaftliche Resilienz: Niedriges Bildungsniveau ist einer der hervorstechendsten Risikofaktoren für Familienarmut, und die Ausgangssituation in NRW ist dabei besonders herausfordernd – knapp ein Drittel der Eltern mit minderjährigen Kindern hat kei-nen beruflichen Bildungsabschluss, jeder zehnte keinen Schulabschluss. Besonders vulnerabel sind junge Eltern, die sich weder in Beschäftigung noch in Aus- oder Weiterbildung befinden. Der Bericht verdeutlicht zugleich, dass Investitionen in berufliche und gemeinwohlorientierte Aus- und Weiterbildung nicht nur sozialpolitisch geboten sind, sondern auch mit wirtschaftlichen Effekten einhergehen. Ein zentraler Punkt ist auch, dass Weiterbildungen sich schwer mit Care-Arbeit verbinden lassen, wenn sie außerhalb üblicher Betreuungszeiten stattfinden oder wenn Betreuungsplätze nicht zu-verlässig und ausreichend verfügbar sind.

Dies macht deutlich: „Weiterbildung für alle“ berührt viele gesellschaftliche Ebenen und ist ein zentraler Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit der Bildungs- und Sozialinfrastruktur. Gerne beantwortet die LAG FW NRW daher die folgenden Fragen und verdeutlicht, was notwendig ist, um alle Menschen mit Weiterbildung erreichen zu können.

1. Was verstehen Sie unter „Weiterbildung für alle“?

Die LAG FW NRW verfolgt unter „Weiterbildung für alle" das Ziel, das auf den Grundprinzipien der Bildungsgerechtigkeit, Barrierefreiheit und Beitragsfreiheit basiert. Diese sind nicht optional, sondern zentral für das Versprechen selbst.

Weiterbildung für alle bedeutet konkret: Allen Menschen eine für sie passende Möglichkeit zu geben, sich weiterzubilden – durch flexible Formate, Zeiten, Orte und Inhalte, die zu unterschiedlichen Lebenslagen, Lernvoraussetzungen und Bedarfen passen. Finanzielle, physische, sprachliche oder kulturelle Barrieren dürfen Menschen nicht vom Zugang ausschließen.

Weiterbildung ist Voraussetzung für reale Teilhabe und muss gerade für die Menschen Wege und Chancen bieten, die bislang vom vorhandenen Bildungssystem nicht profitieren konnten. In einer Welt schneller wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Transformation sind die Fähigkeiten und Möglichkeiten, sich weiterzubilden notwendig, um gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch zu partizipieren. Das gilt insbesondere für Menschen in herausfordernden Lebenslagen, für die Weiterbildung ein guter Weg sein kann, Chancen zu vergrößern.
Deshalb fordert die LAG FW NRW, Weiterbildung als vierte Säule des Bildungssystems zu verankern – gleichgewichtig neben Kindertageseinrichtungen, Schule und Hochschule/Berufsbildung. Sie ist der Ausgangspunkt für die Etablierung des lebenslangen Lernens in einer gerechten Gesellschaft, insbesondere in einer Zeit schneller Transformation. Eine solche Verankerung bedeutet: Weiterbildung ist eine zentrale Infrastrukturaufgabe, deren strukturelle Sicherung mit entsprechender Finanzierung und noch deutlich ausgebaut werden muss.

2. Wie kann die gemeinwohlorientierte Weiterbildung alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen? Wie hat sich die Nutzung gemeinwohlorientierter Weiterbildungsangebote dahingehend in den letzten Jahren verändert?

In den Einrichtungen der LAG FW NRW finden sich viele Beispiele gelungener Praxis, die zeigen, wie gemeinwohlorientierte Weiterbildung alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht: Sozialräumlich vernetzte, multiprofessionelle und arbeitsfeldübergreifend organisierte Angebote funktionieren, weil sie dort präsent sind, wo die Menschen sind. In Nachbarschaftszentren, Familienbildungseinrichtungen, Familienzentren, Familienbüros, Beratungsstellen, Stadtteilzentren und weiteren Orten der Quartiersarbeit zeigt sich, dass Menschen leichter Zugang zu professioneller Weiterbildung finden, wenn diese in vertrauten Räumen angeboten wird. Entscheidend sind zudem Schlüsselpersonen – vertraute Menschen, die in den Lebensräumen (und zunehmend digitalen Vernetzungsstrukturen) präsent sind und konkrete Orientierung geben. Diese persönliche Vermittlung ist oft wirksamer als formale Informationswege.

Diese Aufzählung verdeutlicht gleichzeitig, welche strukturellen Veränderungen notwendig sind, um vergleichbare Ansätze flächendeckend zu skalieren: Die Weiterbildungsträger und -Einrichtungen, die solche vernetzten Angebote durchführen, brauchen belastbare und auf Dauer angelegte Finanzierungen für beitragsfreie Angebote – nicht als zeitlich begrenzte Projekte. Nur so können Angebote vor Ort wirksamer und zahlreich als Regelstruktur etabliert und flächendeckend vorgehalten werden.

3. Was sind Themen und Formate, die die gemeinwohlorientierte Weiterbildung berücksichtigen kann, um möglichst viele Zielgruppen anzusprechen?

Gemeinwohlorientierte Weiterbildung orientiert sich an Themen, die Menschen in ihren konkreten Lebenssituationen betreffen:

• Gesundheitsversorgung ist für Menschen in herausfordernden Lebenslagen oft komplex und teilweise unzugänglich – Wissen über Prävention, Selbstfürsorge und Navigation im Gesundheitssystem ist hier zentral.
• Finanzkompetenz war und ist in allen Zeiten notwendig, um fundierte und sichere Entscheidungen mit Geld zu treffen. Hierzu gehören Wissen, praktische Fähigkeiten und Bewusstsein für die eigene finanzielle Situation, um langfristiges Wohlbefinden zu sichern und Überschuldung zu vermeiden. Dies gilt insbesondere auch für junge Menschen.
• Familien- und Erziehungskompetenz in Angeboten der Familienbildung richtet sich an alle Eltern und Bezugspersonen. Leicht zugängliche Angebote sind hier besonders wichtig, um alle Menschen zu erreichen.
• Sprach- und Kommunikationskompetenz – Deutsch als Zweitsprache sowie Lese- und Schreibkompetenz – sind Voraussetzung für alle anderen Lernmög-ichkeiten und damit zentral für Teilhabe.
• Konflikt- und Deeskalationskompetenz wird in fragmentierten Nachbarschaften und gesellschaftlich angespannten Zeiten zu einem wichtigen Faktor des Miteinanders.
• Digitalisierung, Digitalkompetenz und KI sind längst nicht nur technisches Wissen, sondern grundlegend wichtig für eine sichere Teilhabe aller Menschen in einer digital transformierten Welt, die sich in den Alltagsbereich hinein erstreckt.

Diese Themen erreichen Menschen jedoch nur durch passende Formate:

• Aufsuchende „first contacts" – mobile Teams, die in Schulen, Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, Nachbarschaftstreffs präsent sind, ins Gespräch kommen und konkrete Bedarfe erfragen – schaffen erste Vertrauensbeziehungen, ohne dass Menschen proaktiv suchen müssen.
• Offene Settings und Treffs in kooperativen Strukturen – regelmäßige, niedrigschwellige Orte, an denen sich Menschen ohne Anmeldung treffen können, idealerweise zusammen mit anderen Diensten – verbinden Weiterbildung mit konkreten Lebensfragen und reduzieren psychosoziale Barrieren.
• Sozialraumnahe Angebote mit alltagsnahen Themen und bewussten Bezügen zu den Gemeinschafts-, Freizeit- oder Erlebnisbedürfnissen – Angebote vor Ort im Quartier zu Fragen, die Menschen unmittelbar betreffen – sind erfahrungsorientiert und anschlussfähig an die Lebenswelt der Teilnehmenden.
• Barrierearme Zugänge ermöglichen es Menschen, die Angebote wahrzunehmen. Neben der Berücksichtigung barrierearmer physischer und inhaltlicher Zugänge ist hier auch die Aufhebung ökonomischer Barrieren notwendig, die durch Beitragsfreiheit erreicht wird.

4. Welche Angebote der gemeinwohlorientierten Weiterbildung und der Arbeitnehmer-weiterbildung braucht es, um gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie den Erhalt und die Akzeptanz unserer demokratischen Strukturen sicherzustellen?

Gemeinwohlorientierte Weiterbildung trägt zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und zur Stabilität demokratischer Strukturen bei, wenn sie Menschen ermöglicht, ihre eigene Lebenswelt zu verstehen und aktiv zu gestalten.

Das bedeutet konkret: Alltagsnahe Politikkompetenz als praktisches Wissen über lokale und kommunale Prozesse, nachbarschaftliche Entscheidungsstrukturen und konkrete Partizipationsmöglichkeiten vor Ort. Angebote zu „Wie funktioniert mein Bezirksamt und wie kann ich dort Anliegen einbringen?" oder „Wie organisiere und finanziere ich ein Nachbarschaftsprojekt?" ist politische Bildung in ihrer wirksamsten Form – weil sie konkrete Berührungspunkte mit politisch-demokratischen Prozessen schafft.

Diese Angebote entfalten ihre Wirkung jedoch nur, wenn sie in vernetzte und kooperierende Initiativen vor Ort eingebettet sind – als Teil von multiprofessionellen Allianzen, in denen Weiterbildungsträger mit Einrichtungen im Sozialraum zusammenarbeiten. Eine solche Einbettung in alltagspraktische Fragestellungen – etwa: Zuständigkeiten für Stadtplanung im Viertel oder Landkreis, Grünflächengestaltung, Jugendangebote im Quartier – schafft multiprofessionelle Synergien: Wenn Einrichtungen und Schlüs-selpersonen, denen Menschen vertrauen, unkompliziert zu beitragsfreien Angeboten vermitteln können, wird Partizipation erlebbar und glaubwürdig.

5. Wie kann Weiterbildung für alle für wichtige Themen wie Bildung für nachhaltige Entwicklung, politische Bildung und Alphabetisierung gelingen?

Bildung für nachhaltige Entwicklung, politische Bildung und Alphabetisierung erreichen ihre Zielgruppen durch intensive Vernetzung und arbeitsfeldübergreifende Zusammenarbeit – sowohl bei den Zugängen und Adressierungen als auch bei der Entwicklung von Angebotskonzepten und -formaten. So führen beispielsweise Weiterbildungseinrichtungen und insbesondere Familienbildungseinrichtungen gemeinsam mit Trägern sozialer Arbeit Alphabetisierungskurse für Frauen mit internationaler Familiengeschichte durch, bei denen parallele Maßnahmen für Kinder den Teilnehmerinnen die volle Konzentration auf die Kursinhalte ermöglichen.

Wie bereits in 2. und 3. aufgeführt, nutzen diese Kooperationen zwischen Weiterbildungseinrichtungen und weiteren Einrichtungen idealerweise Schlüsselpersonen vor Ort, um Menschen mit alltagsnahen Angeboten zu erreichen. Eine landesseitige Förderung von Bildungsleistungen in Kooperationsverträgen trägt wesentlich zum Gelingen bei, wie die Zusatzförderung für Kooperationen der Familienbildung mit Familienzentren NRW eindrücklich bewiesen hat. Kooperationen zwischen Einrichtungen der allgemeinen Weiterbildung, politischen Bildung oder Familienbildung und Familienbüros, Bürger- und Nachbarschaftszentren, Jugendämtern, Familienzentren, Beratungsstellen und weiteren Akteur*innen erreichen beispielsweise junge Erwachsene oder Familien mit integrierten Angeboten zu Sprach- und Erziehungskompetenz, zur Kommunikation mit Behörden, zur Digitalkompetenz und zur Grundbildung allgemein. Bildung für nachhaltige Entwicklung wird vor Ort konkret, z.B. durch Bezüge auf die eigene Ernährung, die nähere Umgebung (u.a. auch in naturnahen Angeboten) oder die Nachbarschaft. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen finden sich in vielen Angeboten der Weiter- und Familienbildungseinrichtungen implizit oder explizit.

Eine breitere Etablierung und Verstetigung solcher Angebotsstrukturen setzen voraus, dass Zugänge zu Angeboten der Weiter- und Familienbildung wie in 1. aufgeführt als Teil der Bildungsinfrastruktur begriffen werden. Teilhabe an Weiter- und Familienbildung ist eng verknüpft mit Teilhabe an Nachbarschaft und mit Erfahrungen von Demokratie vor Ort. Wer lernen kann, dass die eigene Stimme zählt, dass teilgenommen werden kann und gegebenenfalls Veränderungen mitgestaltet werden können, wer also Zugang zu Wissen hat, das das eigene Leben betrifft – partizipiert nicht nur an Weiterbildung, sondern an Gesellschaft insgesamt.


1 Einrichtungen in anderer Trägerschaft, anerkannte Familienbildungseinrichtungen und Einrichtungen der politischen Bildung verzeichneten 2024 knapp 2 Mio. Teilnahmefälle. Unter diese Aufzählung fallen auch Einrichtungen in freier oder konfessioneller Trägerschaft, die nicht Teil der LAG FW NRW sind. Vgl. datenreport_berichtswesen_weiterbildung_bj_2024_2.pdf

2 Education at a Glance 2025 | OECD

3 Familien im Blick. Lebenslagen verstehen. Zukunft gestalten. S. 190-193

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