„Ehrenamt ist zugleich komplex und einfach“ – mit diesen Worten leitet Dr. Hasan Sürgit, Vorsitzender des LAG-Arbeitsausschuss Gesellschaftliche Teilhabe und Bürgerschaftliches Engagement, die Fachtagung zum Sozialen Ehrenamt ein. Einfach sei es, weil es manchmal ganz leicht ist, pragmatisch aktiv zu werden und Hilfe zu leisten. Komplex könne es sein, weil es gerade für die, deren Aufgabe es ist ehrenamtliche Hilfe zu organisieren, mit Bürokratie und Aufwand verbunden sein kann.
Was es aber auch komplex machen kann, sind die Herausforderungen, die dadurch entstehen, dass die Gesellschaft im Wandel ist: Geburtenstarke Jahrgänge werden älter, jüngere, die nachkommen, haben andere Perspektiven und Wünsche für sich und ihr Leben. Darauf müssen auch die reagieren, die ehrenamtliches Engagement organisieren und aufrechterhalten wollen. Das war das zentrale Thema der Fachtagung „Demografischer Wandel und Soziales Ehrenamt der Zukunft“, die vom Arbeitsausschuss Gesellschaftliche Teilhabe und Bürgerschaftliches Engagement der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Freie Wohlfahrtspflege NRW organisiert wurde.
„Eigentlich gibt es keinen Lebensbereich, der nicht vom demografischen Wandel betroffen ist“, sagt Frank Micheel, Wissenschaftlicher Rat im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in seinem Impulsvortrag. In „Was ist Demografischer Wandel und wie wird Deutschland in den 2030er Jahren aussehen“ gibt er einen quantitativen Einblick. Die Gesellschaft altert – das ist keine neue Erkenntnis. Konkret: Aktuell ist jede fünfte Person in Deutschland älter als 67 Jahre, in 2035 wird es jede vierte Person sein.
Besonders interessant beim Blick auf die demografische Entwicklung ist die Babyboomer-Generation, also Menschen, die in den besonders geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1955 und 1969 geboren wurden. Diese nähern sich dem Rentenalter oder haben es bereits erreicht, bis 2035 werden auch die jüngeren bereits 66 Jahre alt sein.
Für das Ehrenamt steckt hier ein großes Potential. Grundsätzlich ist Engagement in dieser Altersklasse weit verbreitet: 2024 waren laut Freiwilligensurvey rund 33 Prozent der Babyboomer formal engagiert, also in Vereinen und anderen Organisationen ehrenamtlich tätig. Unter denen, die nicht engagiert sind, gibt es zudem einige, die an einem Ehrenamt interessiert wären. Gründe dafür, nicht tätig zu sein, lassen sich leicht zusammenfassen: „Nicht können, nicht wollen, nicht gefragt werden.“ Beim „Wollen“ gehe es vor allem um Motivation und Werte, die mit Engagement verbunden sind. Beim „Können“ sind Bildung, Gesundheit oder Lebensverlauf bedeutend. Auch andere Tätigkeiten wie Care-Arbeit oder bezahlte Arbeit können eine Rolle spielen. Beim „Gefragt werden“, geht es um die Gelegenheit, die sich zum Engagement bietet. Alle drei seien im Umkehrschluss Gründe für Engagement und lassen sich womöglich nutzen, um Menschen zu motivieren.
In seinem Impuls „Älter, vielfältiger, weniger? – Auswirkungen des Demografischen Wandels auf das Soziale Ehrenamt in den 2030er Jahren“ wirft Prof. Dr. Michael Vilain, Vizepräsident für Forschung, Transfer und Internationales der Evangelischen Hochschule Hessen, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft und Professor für Nonprofit Management einen qualitativen Blick auf die Entwicklungen.
Spannend ist dabei etwa der Zugang zum Ehrenamt. Traditionell sei es lange so gewesen, dass Ehrenamt stark mit dem Milieu der Engagierten zu tun hatte. Häufig wurde Engagement in der Familie weitergetragen. „Menschen waren engagiert, weil alle da waren“, sagt Prof. Dr. Vilain. Freund*innen, Familienmitglieder verbrachten ihre Zeit mit Ehrenamt im Verein, in der Kirchengemeinde oder anderen Organisationen – also machte man auch mit. Das habe sich stark verändert. Menschen finden heute nicht mehr automatisch den Weg in ein Ehrenamt. Der Hauptgrund für ein Engagement sei heute aber auch für viele der gleiche: Sinnsuche. Deshalb empfinden Engagierte auch die Einsatzfelder als besonders erfüllend, bei denen man die Auswirkung des Einsatzes sofort spüren kann.
Ein wichtiger Faktor bei den Entwicklungen im ehrenamtlichen Engagement sei heute auch die Digitalisierung. Fast immer kommen digitale Hilfsmittel, wie etwa WhatsApp-Gruppen oder Videotelefonie-Plattformen für Sitzungen zum Einsatz. „Im ländlichen Raum eröffnet das viele Möglichkeiten“, sagt Michael Vilain. Gleichzeitig müsse darauf geachtet werden, dass dadurch keine schleichende Altersdiskriminierung entsteht, wenn ältere Engagierte mit bestimmten digitalen Tools nicht vertraut sind.
Auch der Faktor Zeit spiele eine interessante Rolle bei den Entwicklungen im Engagement. Studien zeigen, dass vor allem zwischen 16 und 22 Uhr für viele ein Zeitraum sei, der nicht mit Arbeit und anderen Verpflichtungen gefüllt ist. Hauptkonkurrent für ehrenamtliches Engagement sei in diesem Zeitraum Medienkonsum.
Welche Zukunftsperspektiven aus den demografischen Entwicklungen entstehen können, darum ging es im dritten Impuls „Kipppunkt 2030? Wie geht die Geschichte des Ehrenamts weiter?“ von Prof. Dr. Andrea Walter von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Sie stellt vier Thesen auf. Die erste: Engagement steht zunehmend unter Druck. Das bezieht sich zum einen darauf, dass immer mehr Erwartungen entstehen, Angebote sicherzustellen, die nicht mehr strukturell finanziert werden – etwa im sozialen Bereich, der Kinderbetreuung oder Sicherheit. Zum anderen gibt es mittlerweile immer wieder auch Angriffe gegen NGOs und andere Organisationen durch politische Kräfte.
Die zweite These bezieht sich auf die Boomer-Generation, die besonders stark engagiert ist, möglicherweise aber nicht mehr lange in der Lage sein könnte, den Bedarf an Ehrenamtlichen zu decken, etwa aus gesundheitlichen Gründen. Die dritte These besagt, dass es nicht an der Bereitschaft für Engagement liegen könnte, wenn Menschen nicht aktiv sind, sondern daran, dass ihre Lebenskontexte nicht ausreichend berücksichtigt werden oder in den Gruppen keine gemeinsame Zukunftsvision besteht. Laut Ehrenamt-Atlas von 2026 gibt es in NRW 5,6 Millionen Menschen, die nicht engagiert sind, sich ein Engagement aber vorstellen könnten. Dass sie bislang nicht ehrenamtlich aktiv sind, kann auch mit Zugängen zu tun haben – etwa für Menschen mit Beeinträchtigungen oder Sprachbarrieren, die aber Interesse hätten, sich zu engagieren.
Die vierte These betrifft die Organisationen – krisengefährdet seien besonders die, die nicht fähig oder bereit für Transformation sind. Trotz der Thesen, die den Blick auch auf negative Szenarien und problematische Entwicklungen richten, endet Andrea Walter mit einer Perspektive, die hoffnungsvoll stimmt: Alle seien gefragt, die Geschichte weiterzuschreiben und sich für das Engagement, das Narrativ und gute Rahmenbedingungen einzusetzen.
Neben den wissenschaftlichen Perspektiven gab es beim Fachtag auch Raum für unterschiedliche Projekte, die sich dort vorgestellt haben. Das Projekt „Lotsenpunkte“ des Caritasverbands und Erzbistums Köln ist eine Anlaufstelle für alle Menschen in Not. Dort finden sie konkrete Hilfe für ihre Fragen und Sorgen. Das Projekt bietet eine erste Kontaktmöglichkeit arbeitet dabei eng mit sozialen Fachdiensten in der Region zusammen.
Bei „U25 – Online Suizidprävention“ beraten ehrenamtliche Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren Ratsuchende unter 25 in suizidalen Krisen auf digitalem Weg. Bei der Initiative „Junges Ehrenamt NRW“ geht es darum, Ideen zu entwickeln, die junges Ehrenamt in NRW stärken, Barrieren abzubauen und Jugendliche fürs Ehrenamt zu begeistern. Ähnlich ist das bei bei „Young Caritas“. Auch hier sollen junge Menschen erstmals in Kontakt zu sozialem Engagement kommen und Formen gefunden werden, die gut zu ihnen passen. Dazu gehören die „Briefe gegen Einsamkeit“, die an Menschen in Altenheimen geschickt werden, nächtliche Bollerwagentouren, um Menschen ohne Wohnung mit Getränken und Schlafsäcken zu versorgen, oder Kleidertauschpartys.
Die „Begegnungslots*innen 60+“ der Diakonie RWL beraten Menschen, die über 60 noch einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren wollen. Bislang wird der Bundesfreiwilligendienst von älteren Menschen kaum genutzt – auch weil diese Möglichkeit wenig bekannt ist. Die Begegnungslots*innen sollen diese Option bekannter machen und Menschen beraten, die Interesse haben.
Das Backcafé des Paritätischen in Oberhausen öffnet einmal im Monat seine Türen und lädt Menschen zu Kuchen, Torte und Gesellschaft ein. Der Paritätische NRW hat außerdem im Frühjahr 2025 das Projekt „KI-Helfer“ ins Leben gerufen, bei dem zum einen Grundlagenwissen zum Thema künstliche Intelligenz vermittelt wird und zum anderen zusammengetragen wird, wie KI bei der Organisation von Ehrenamt helfen und unterstützen kann.
Am Nachmittag des Fachtags war Raum für Austausch in kleineren Workshop-Gruppen. Themen waren Zukunftsperspektiven, nötige Veränderungen in den Verbänden, Botschaften an die Politik, Generationenkonflikte im Ehrenamt und Gedankenspiele mit Blick auf das Ehrenamt im Jahr 2035. Die Teilnehmenden diskutierten angeregt und tauschten Perspektiven aus ihrem Arbeitsalltag aus. Immer wieder ging es dabei etwa darum, wie wichtig Anerkennung ist – ob aus Politik oder Gesellschaft, ob durch Worte oder finanziell, etwa dadurch, dass Ehrenamtliche Fahrtkosten und ähnliches nicht selbst tragen müssen.
Insgesamt zeigt sich, ehrenamtliches Engagement steht vor einem großen Wandel. Damit der gelingt, müssen Organisationen und Verbände bereit sein, sich zu verändern. Gleichzeitig macht aber optimistisch: Engagement und auch das Interesse und die Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren, bleiben in der Gesellschaft stabil.