Melanie Dabrock-Kalb arbeitet im Offenen Ganztag in Velbert. „Wenn ich danach frage, wie viele Mitarbeitende ich für eine bestimme Zahl von Kindern brauche, bekomme ich keine Antwort. Wenn ich danach frage, wie viel Platz für eine bestimmte Gruppengröße angemessen ist, bekomme ich keine Antwort“, sagt sie. Und dann blickt Melanie Dabrock-Kalb vom SKFM Velbert/Heiligenhaus e.V. ein bisschen kämpferisch zum Rednerpult, an dem die Landeskinderschutzbeauftragte Petra Ladenburger steht. „Wir brauchen ein OGS-Gesetzt“, fordert Melanie Dabrock-Kalb. Und im Saal bricht Applaus aus.
Die Vertreterin aus Velbert hat sich auf den Weg zum Fachtag in Duisburg gemacht, um für den Offenen Ganztag in NRW zu kämpfen. „Ich gehe erstmal davon aus, dass die Politik für uns etwas Gutes will“, sagt sie später in einer kurzen Pause, „Vielleicht ist es einfach wichtig, dass wir an der Basis laut und deutlich formulieren, was wir brauchen und was noch nicht gut läuft.“ Die Hoffnung habe sie noch nicht aufgegeben, dass dieser Apell bei den Entscheider*innen auch ankommt. „Sonst wäre ich heute ja nicht hier“, sagt sie.
Rund 50 Besucher*innen sind auf Einladung der Projektgruppe „Kinderschutz im Offenen Ganztag“ der Freien Wohlfahrtspflege NRW nach Duisburg gekommen. Die meisten von ihnen arbeiten selbst im Offenen Ganztag. Einen Tag lang beraten sie gemeinsam mit Vertreter*innen von Trägern, Politik und Verwaltung über einen wirksamen Kinderschutz im Offenen Ganztag. „Wir wollen Menschen in den Austausch bringen“, sagt Vera Kropp, Referentin beim Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) und Sprecherin der Projektgruppe. „Wir wissen um die gute Basis, wissen aber auch, dass es in diesem Bereich einen Entwicklungsbedarf gibt.“ Und genau diese Entwicklung will der Fachtag mit anstoßen.
Politik und Praxis im Austausch
Die Entscheidungsträger*innen jedenfalls haben angekündigt, zuzuhören und Rede und Antwort zu stehen. Morgens ist Landeskinderschutzbeauftragte Petra Ladenburger beim Fachtag zu Gast, anschließend stehen Workshops auf dem Programm und am Nachmittag haben Gäste aus den zuständigen Ministerien, der Kinderschutzkommission und der Praxis für eine Podiumsdiskussion zugesagt. „Das gibt uns auf der einen Seite die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen“, sagt Maria Balkos-Lensing, die vom EDS-Ganztagskinder e.V. in Ratingen nach Duisburg gekommen ist. „Und auf der anderen Seite haben wir die Möglichkeit, in die politische Diskussion einzusteigen.“
Melanie Dabrock-Kalb hat das Mikrofon unterdessen weitergegeben. Sie lauscht der Antwort von Petra Ladenburger auf die Forderung nach einem OGS-Gesetz, das endlich die Rahmenbedingungen für den Ganztag klären und somit auch eine Grundlage für die Umsetzung von Kinderschutz ermöglichen soll. „Ein Gesetz löst nicht immer die Probleme im Alltag“, sagt die Beauftrage für Kinderschutz und Kinderrechte des Landes Nordrhein-Westfalen. Aber sie erklärt auch: „Kinderschutz bedeutet auch, nicht ausschließlich auf akute Gefährdungslagen zu reagieren, sondern auf Rahmenbedingungen zu achten.“ Sie ermutigt die Teilnehmenden des Fachtags und auch die Politik, dabei die Perspektive der Kinder einzunehmen: „Was braucht ein Kind, um sich im Ganztag sicher, gehört und gut aufgehoben zu fühlen?“ Die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sei ein wesentlicher Schutzfaktor, kein Zusatzangebot. Sie müsse Standard werden. Nur, wenn man die Perspektive der Institutionen aufgebe und den Standpunkt der Kinder einnehme, könne Kinderschutz wirklich funktionieren.
Große Unterschiede im Ganztag
In der Diskussion mit den Akteur*innen aus dem Ganztag wird aber auch schnell klar: „Dem Offenen Ganztag fehlt oft die Anerkennung.“ Das zeige sich in der Zusammenarbeit mit Schulleitungen, aber auch mit Kommunen. 14 Mitarbeitende für 240 Kinder, fehlende Räume und Fachkräfte, nicht abgesprochene Baustellensituationen, ein steigender Sozialindex, parallele Kinderschutzkonzepte für den Schulmorgen und den OGS-Nachmittag: „Um in dieser Situation den Kinderschutz gewährleisten zu können, brauchen wir politische Lösungen“, sind sich viele der Teilnehmer*innen einig.
„Heben Sie sich diese Gedanken für die Podiumsdiskussion auf“, ermutigt Moderatorin Anke Bruns das Publikum und leitet in die Workshop-Phase über. Dort befassen sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Themen rund um den Kinderschutz – von der Konzeptentwicklung bis zum Thema Cybergrooming. Erste Kontakte werden geknüpft. Austausch findet statt. Und damit reift auch die Erkenntnis: „Die Unterschiede sind riesig.“ Eine Besucherin blickt überrascht in die Runde: „Jede Schule, jede Kommune, jeder Träger scheint andere Lösungen im Offenen Ganztag zu finden, obwohl wir die gleichen Voraussetzungen haben.“
Diesen Eindruck nehmen viele der Teilnehmenden auch mit in die Podiumsdiskussion: Referatsleiter Uwe Schulz vom Familienministerium ist dabei, genauso wie Martin Oppermann vom Ministerium für Schule und Bildung. Tim Rietzke von der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege NRW nimmt auf dem Podium Platz, genauso wie Nina Baumann vom AWO-Unterbezirk Ruhr-Mitte und Silke Knabenschuh von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz. Auch Norika Creuzmann, Landtagsabgeordnete der Grünen und Mitglied der Kinderschutzkommission in NRW, stellt sich den Fragen von Anke Bruns und den Besucher*innen.
Schule und Ganztag besser verzahnen
Warum gibt es keine Verpflichtung für ein gemeinsames Konzept von Schule und Offenem Ganztag? Anke Bruns verschwendet keine Zeit und greift den Faden vom Vormittag wieder auf. Eine einfache Antwort gibt es nicht. „Die Unterschiede sind groß“, berichtet Nina Baumann aus dem Alltag mit 5.000 Schüler*innen an 25 Schulen. Es gebe Standorte mit gemeinsamen Konzepten. „Andere Standorte sind sehr hierarchisch unterwegs“, sagt sie mit Blick auf die Zusammenarbeit von Schulleitung und Offenen Ganztag. Tim Rietzke wird noch deutlicher: An einer von zehn Schulen laufe es gut, an zwei bis drei in Ordnung, an fünf bis sechs nicht gut. „Wir müssen zusehen, dass diese Rechnung kippt“, sagt er. Und auch Politikerin Norika Creuzmann betont: „Wir brauchen eine viel bessere Verzahnung zwischen Jugendhilfe und Schule.“
Martin Oppermann erinnert allerdings auch an die vorliegenden Empfehlungen, die längst auf Papier gebracht seien: „Der Leitfaden von 2023 zeigt die Erstellung eines Schutzkonzeptes in der Schule auf, inklusive Ganztag. Warum funktioniert das nicht?“ Darauf haben die Besucher*innen im Plenum ganz verschiedene, lebendige Antworten aus der Praxis. Es entspannt sich ein lebhaftes Gespräch und der Wunsch nach einer stärkeren Überprüfung des Gelingens bei der gemeinsamen Erstellung von Schutzkonzepten wird laut. Martin Oppermann berichtet von einer flächendeckenden Umfrage des Ministeriums nach der Entstehung von Schutzkonzepten an Schulen. Von deren Auswertung im November erhoffe er sich wichtige Einsichten. Uwe Schulz bekräftigt: „In der OGS wirken Schule und der Träger des Ganztags zusammen. Das ist insbesondere beim Kinderschutz ganz zentral. Schule und Träger des Ganztags sollten daher ein gemeinsames und abgestimmtes Kinderschutzkonzept entwickeln und anwenden.“
Einig sind sich alle beim Thema Fachkräfte: Die Qualifizierung muss ausgebaut werden, sagt Nina Baumann. Die Frage nach dem Kinderschutz als Ausbildungsinhalt müsse dringend mit den Universitäten besprochen werden, sagt Uwe Schulz. „Man darf an diesem Thema während der Ausbildung nicht vorbeikommen“, betont er. Auch Fortbildungen müssten verpflichtend werden. Bei der Gelegenheit berichtet Silke Knabenschuh von der Ausbildung zu Berater*innen zur Schutzkonzepterstellung, um die Qualität von Schutzkonzepten landesweit zu heben.
Kein OGS-Gesetz, aber neue Impulse
Melanie Dabrock-Kalb sitzt inzwischen etwas unruhig auf ihrem Platz im Plenum. Ihr Wunsch nach einem OGS-Gesetz hat einen Dämpfer bekommen: Es habe die Hoffnung auf ein solches Ausführungsgesetz gegeben, hat Uwe Schulz erinnert. Aber die Landesregierung habe sich umentschieden. So ein Gesetz sei erstmal vom Tisch. „Obwohl wir es gebraucht hätten“, wirft Norika Creuzmann ein und bringt die Gefühlslage vieler Besucher*innen auf den Punkt.
Melanie Dabrock-Kalb macht sich an diesem Tag trotzdem ganz zufrieden auf den Heimweg nach Velbert mit vielen Impulsen im Gepäck und der Erkenntnis, das an der Basis genauso wie im Kreis der entstandenen Fachberatungen ausgesprochen engagiert gearbeitet wird. Und Anke Scholz (AWO Mittelrhein) von der gastgebenden Projektgruppe verspricht: „Mit den Einsichten dieses Tages werden wir weiterarbeiten.“
Info
Die Projektgruppe Kinderschutz im Offenen Ganztag der Freien Wohlfahrtspflege arbeitet seit Anfang des Jahres zusammen. Die Projektgruppe setzt sich aus den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege NRW zusammen – dazu gehören Diakonie, AWO, Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, Der Paritätische und die Jüdischen Gemeinden. Gemeinsam bilden sie die Fachberatungen für Kinderschutz im Offenen Ganztag auf spitzenverbandlicher Ebene. Ziel ist es, den Kinderschutz im Offenen Ganztag landesweit zu stärken, fachliche Standards weiterzuentwickeln und praxisnahe Unterstützungsangebote für Mitarbeitende und Träger bereitzustellen.