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Fachtag: Was in der Eingliederungshilfe möglich ist

Woran es in der Eingliederungshilfe mangelt: Fachkräfte, Zeit und Geld. Wovon genug da ist: Fachwissen, Netzwerke, Motivation und Anpassungsfähigkeit. Wie sich aus diesen Zutaten die Zukunft der Arbeit in der Eingliederungshilfe neu denken lässt, darum ging es nun beim Fachtag des Arbeitsausschusses Hilfen für Menschen mit Behinderungen der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege NRW in den Räumen des Caritasverbandes für das Bistum Essen.

Welche Haltung den Fachtag „Qualitäten in der Eingliederungshilfe neu denken“ im Idealfall prägen sollte, beschrieb Christian Woltering direkt zu Beginn in seiner Begrüßung: „Wir sind nicht hier, um zu jammern, sondern um neu zu denken. Es geht um nicht weniger als die Qualität unserer Arbeit.“ Woltering, Vorstand des Paritätischen NRW und Vorsitzender des Arbeitsausschusses Hilfen für Menschen mit Behinderungen der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege Nordrhein-Westfalen (LAG FW NRW), verschwieg dabei nicht, dass die Eingliederungshilfe „unter großem Druck“ stehe: „Der Fachkräftemangel ist für uns alle keine Statistik, sondern Realität“, so Woltering. Gerade deshalb sei es so wichtig, ehrlich darüber zu diskutieren, was Qualität ausmache. Aber auch zu hinterfragen, ob bisher beschrittene Pfade noch die richtigen seien.

Die Referent*innen beim Fachtag beleuchteten das Thema Qualität aus verschiedenen Blickwinkeln, etwa: Was brauchen Mitarbeitende, um motiviert und dauerhaft im Job zu bleiben? Wie und von wo lassen sich neue Mitarbeitende für den Bereich Eingliederungshilfe gewinnen? Und: Welche Ansprüche haben die Leistungsempfänger*innen? Im Anschluss wurden die Ideen aus den Referaten in vier Workshops diskutiert und vertieft.

Professorin Karin Tiesmeyer von der Evangelischen Hochschule Bochum stellte das auf drei Jahre angelegte Projekt „STUFE“ vor, das sie für die Evangelische Stiftung Hephata gemeinsam mit ihrem Team wissenschaftlich begleitet. Dahinter steckt die Idee, Menschen mit Behinderungen auch dann einen selbstbestimmten Alltag zu ermöglichen, wenn das entsprechende Personal fehlt. Und gleichzeitig den Mitarbeitenden trotz herausfordernder Rahmenbedingungen einen Arbeitsalltag zu ermöglichen, der mehr von Erfüllung geprägt ist als von Frust.
„Denn gerade in der Eingliederungshilfe ist es meist die Überlastung, die die Menschen zum Aufhören bringt“, so die Professorin. Auf der anderen Seite stehe deren Wunsch nach einer sinnstiftenden Arbeit. „Diese Motivation muss im Vordergrund stehen und es vor allen Dingen auch bleiben“, fordert Tiesmeyer. Denn wenn die Mitarbeitenden ihre Talente einbringen und mitbestimmen könnten, dann wirke sich das auch auf die Teilhabemöglichkeiten der Klient*innen aus.  
Michael Roos, als Projektleiter bei Hephata für „STUFE“ zuständig, zieht knapp zwei Jahre nach Projektstart eine positive Bilanz: „Wir allen haben immer noch Lust auf das Projekt, nicht zuletzt, weil es unsere Arbeit ja verbessert.“ Alle Projekt-Beteiligten hätten jederzeit die Möglichkeit auszusteigen. „Aber“, so berichtet Roos, „niemand wollte das.“ Roos und das Projektteam haben den LAG-Fachtag in Essen auch zum Netzwerken genutzt, um von den Kolleg*innen zu erfahren, ob sie die bisherigen Erkenntnisse von „STUFE“ teilen und welche weiteren Ideen sie möglicherweise liefern können. „Eine Kollegin hat beispielsweise ihre guten Erfahrungen mit einem Klient*innenbeirat geschildert, aber auch davon erzählt, wie lange es bis dahin gedauert hat. Von solchen Berichten können wir alle profitieren“, so Roos.

Mitarbeitende in der Eingliederungshilfe sind zufrieden, wenn sie ihre Fachlichkeit einbringen können und gleichzeitig in ihrer Arbeit einen Sinn spüren. Sie möchten teilhaben und nicht fremdbestimmt sein. Ähnliches gilt für die Klient*innen, die trotz ihrer Einschränkungen selbstbestimmt leben möchten. Deren Perspektive nahm Fabian Schwarz ein. Der Referent für Teilhabe beim AWO Bundesverband hat selbst Assistenzbedarf und nimmt eine 24-Stunden-Pflege in Anspruch. „Es ist logisch, dass Qualität Fachkräfte braucht“, so Schwarz. Wo Fachkräfte fehlten, bleibe manches auf der Strecke. Meistens sei das die Zeit, die nötig sei, um die Klient*innen kennen zu lernen und auf deren individuelle Wünsche eingehen zu können. Außerdem fehle es im System oft an Spontanität. „Es ist traurig, dass in unseren Strukturen nichts gelingt, was spontan ist“, sagte Thomas Bonk, der den Workshop von Fabian Schwarz begleitete. „Gerade das würde aber oft guttun.“

Einen großen Teil des Fachtags nahmen der Bereich Quereinsteiger*innen bzw. die Qualifizierung fachfremder Kolleg*innen ein. Während einige darin eine Chance sehen und „die Externen“ als Bereicherung fürs Team empfinden, fürchten andere eine Verwässerung der Fachlichkeit. Sabine Schweinsberg, Fachreferentin Hilfen zur Erziehung beim Paritätischen NRW, stellte das Qualifizierungsprogramm ihres Verbandes vor. Ein großer Vorteil sei, dass die Personen schon während der Qualifizierung eingesetzt werden dürften.
Für eine abschließende Beurteilung sei es jedoch noch zu früh, so Schweinsberg. Auch sei das Programm sehr anspruchsvoll und berge durchaus das Risiko, dass Teilnehmende vorzeitig abbrechen würden. Außerdem könnten Absolvent*innen nicht so flexibel in ambulanten wie in (teil)stationären Bereichen eingesetzt werden wie originäre Fachkräfte. Schweinsberg stellte aber trotz aller Kritik am Programm und an dessen Voraussetzungen fest: „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist es ja schon ein Fortschritt, wenn überhaupt neue Fachkräfte gewonnen werden können.“

Stefan Corda-Zitzen, Geschäftsführer Psychiatrische Hilfsgemeinschaft Viersen, setzt ebenfalls auf Quereinsteiger*innen in der Eingliederungshilfe – vom Koch bis zum Fliesenlegermeister. Er berichtete von den praktischen Erfahrungen im Arbeitsalltag. „Jeder Mensch trägt auf seine Art zu kreativen Lösungen bei, die den Menschen weiterhelfen können“, berichtete er. „Die neuen Sichtweisen sind auf jeden Fall ein Gewinn.“

Als Gewinn nahmen die rund hundert Teilnehmenden auch den Fachtag wahr. „Ich habe das Gefühl, dass es viele, auch außergewöhnliche Ideen gibt und dass wir gemeinsam auf dem richtigen Weg sind“, sagte etwa Michael Roos von Hephata. Christian Woltering (Paritäter) ging einen Schritt weiter: „Die Ergebnisse von heute sollen nicht verpuffen, sondern in die LAG-Arbeit einfließen und in konkrete Veränderungen münden.“

Text: Verena Bretz

 

Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW in drei Sätzen

750.000 Mitarbeitende der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen setzen sich täglich dafür ein, Menschen in allen Lebenslagen zu unterstützen. Mit ihren Angeboten und Dienstleistungen erreichen die Träger der Freien Wohlfahrtspflege in NRW jährlich rund 6 Millionen Menschen. Neben den konkreten Aufgaben der Wohlfahrts- und Sozialarbeit übernehmen die Verbände eine wichtige Mittlerrolle zwischen Gesellschaft, Politik und Verwaltung: Sie benennen soziale Schieflagen und setzen auf Dialog, um gemeinsame Lösungen für alle beteiligten Akteurinnen und Akteure zu erreichen. 

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Vier Personen stehen vor einer Stellwand.
Fabian Rietz, Michael Roos, Eva Weishaupt, Prof. Karin Tiesmeyer (v.l.)

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