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Bewertung der LAG FW NRW

Übergang Schule-Beruf als zentrale Stellschraube für Bildung, Ausbildung und Teilhabe

Die Daten des Reports zeigen deutlich, dass sich die Herausforderungen am Übergang von der Schule in den Beruf in NRW weiter verschärfen und zunehmend struktureller Natur sind. Sie machen sichtbar, dass Probleme nicht punktuell entstehen, sondern sich entlang des gesamten Bildungsverlaufs entwickeln, gegenseitig verstärken und verfestigen. 

Bereits im allgemeinbildenden Schulsystem werden zentrale Weichen gestellt. Im Jahr 2025 verließen 7,9 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne ersten Schulabschluss. Weitere 6,3 Prozent erreichten lediglich den ersten Schulabschluss. Zusammengenommen verfügen damit 14,2 Prozent der Schulabgänger*innen nur über geringe schulische Qualifikationen, die den direkten Einstieg in eine berufliche Ausbildung deutlich erschweren. Rund vier von zehn Jugendlichen ohne ersten Schulabschluss kommen aus dem Förderschulbereich. Bildungserfolg hängt dabei weiterhin stark von Faktoren wie Geschlecht, Staatsangehörigkeit und familiärem Einkommen ab. 

Mit dem Landesprogramm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) setzt NRW bereits frühzeitig auf eine systematische Berufsorientierung ab Klasse 8. Der gemeinsame Start für alle jungen Menschen ist ein wichtiger Schritt. Allerdings sind die Angebote des Landesprogramms in den vergangenen Jahren zunehmend reduziert worden und erreichen insbesondere benachteiligte junge Menschen nur begrenzt. Wenn der Anspruch von „Kein Abschluss ohne Anschluss“ eingelöst werden soll, braucht es hier eine deutliche Stärkung.

Übergangssystem bündelt Menschen mit komplexen Unterstützungsbedarfen

Die Ausgangslage nach der allgemeinbildenden Schule spiegelt sich im Übergangsgeschehen unmittelbar wider. Besonders deutlich wird dies an der Zusammensetzung der Anfänger*innen im Übergangssystem: Im Jahr 2024 verfügten 80 Prozent von ihnen maximal über einen ersten Schulabschluss. Darunter sind auch Mehrfachanfänger*innen, also junge Menschen, die bereits zuvor im Übergangssystem waren und erneut eine Maßnahme oder einen Bildungsgang am Berufskolleg beginnen. Insgesamt starteten 2024 rund 18 Prozent aller Anfänger*innen im Ausbildungsgeschehen zunächst im Übergangssystem.

Für die Freie Wohlfahrtspflege NRW ist wichtig, an dieser Stelle zu betonen: Das Übergangssystem leistet wertvolle und notwendige Arbeit. Es stabilisiert viele junge Menschen und schafft überhaupt erst Voraussetzungen für den Übergang in Ausbildung. Gleichzeitig verdeutlichen die Daten, dass sich im Übergangssystem in besonderer Weise die jungen Menschen bündeln, die individuelle Unterstützung benötigen und häufig komplexe Problemlagen mitbringen. 

Aus Sicht der Freien Wohlfahrt müssen die Unterstützungsangebote im Übergangssystem weiter gestärkt und bedarfsgerecht ausgestaltet werden. Gleichzeitig zeigt der NRW-Report Arbeitsmarktpolitik, dass viele Problemlagen bereits vor der Einmündung in das Übergangssystem entstehen. Genau deshalb braucht es frühere, individuellere und verbindlichere Unterstützung bereits in der Sekundarstufe I. 

Die duale Ausbildung steht zunehmend unter Druck

Mit dem Landesprogramm Ausbildungswege NRW steht ein wirksames Instrument zur Verfügung, das junge Menschen individuell begleitet und vielfach in Ausbildung führt. Gleichzeitig setzt es nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schule an und greift für einen Teil der Jugendlichen zu spät. Entscheidend ist daher, die Kette zu schließen: Benachteiligte junge Menschen sollten bereits in der Sekundarstufe I so begleitet werden, dass sie gar nicht erst ungeplant im Übergangssystem landen oder deutlich besser orientiert und stabilisiert dort ankommen. So wird der gelungene Übergang in berufliche Ausbildung wahrscheinlicher. 

Auch das duale Ausbildungssystem steht unter Druck. Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge ist rückläufig, während das Ausbildungsplatzangebot rechnerisch nur für 86 Prozent der ausbildungsinteressierten jungen Menschen ausreicht. Zugleich wird ein erheblicher Teil der Ausbildungen nicht abgeschlossen. Fast jeder dritte Vertrag wurde im Jahr 2024 vorzeitig gelöst. Diese Entwicklungen machen deutlich, dass die Herausforderungen nicht nur im Zugang zur Ausbildung liegen, sondern ebenso in der Stabilität.

Damit schließt sich die Problemlage an die Herausforderungen im Übergangsgeschehen unmittelbar an. Die jungen Menschen, die im Übergangssystem individuelle Unterstützung benötigen, stehen häufig auch im weiteren Ausbildungsverlauf vor erhöhten Risiken. Unsichere Übergänge setzen sich damit in instabilen Ausbildungsverläufen fort.

Individuelle Unterstützung bleibt zentral für gelingende Übergänge und stabile Ausbildungsverläufe

Aus Sicht der Freien Wohlfahrt müssen Unterstützungsstrukturen entlang des gesamten Übergangs- und Ausbildungsverlaufs wirken. Individuelle Begleitung bleibt zentrale Voraussetzung für stabile Ausbildungsverläufe und erfolgreiche Abschlüsse. Erforderlich sind daher passgenaue Unterstützungsangebote, die sowohl den Einstieg in Ausbildung erleichtern als auch eine kontinuierliche Stabilisierung während der Ausbildung ermöglichen. Ziel muss es sein, Übergänge nachhaltig zu gestalten und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Die Assistierte Ausbildung (AsA Flex) der Bundesagentur für Arbeit kann ein wichtiges Instrument sein – allerdings fehlt es dem Angebot dafür aktuell an Bekanntheit bei Unternehmen und einer tragfähigen Finanzierung pro Teilnehmer*in für die umsetzenden Einrichtungen. 

Die Daten zeigen zudem, dass Bildungs- und Erwerbsverläufe junger Menschen zunehmend brüchig sind. Bis zu 15 Prozent der jungen Menschen sind zeitweise weder in Ausbildung noch in Erwerbstätigkeit oder Qualifizierung eingebunden. Ein fehlender oder niedriger Schulabschluss erhöht dieses Risiko erheblich. Diese Entwicklungen schlagen sich langfristig in einer hohen Zahl von Personen ohne beruflichen Abschluss nieder: 2024 lag die Quote der nicht formal Qualifizierten (nfQ-Quote) in NRW bei 21,4 % und damit über dem Bundesdurchschnitt (19 %). Instabile Übergänge und unsichere Ausbildungsverläufe schlagen sich im weiteren Lebensverlauf in verfestigter Ausbildungslosigkeit nieder.

Die Daten zeigen, dass junge Menschen unterschiedlich stark betroffen sind. Besonders ausgeprägt sind die Risiken beispielsweise bei jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Sprachliche Hürden sowie fehlende oder nicht anerkannte Bildungsabschlüsse erschweren den Zugang zu Ausbildung und erhöhen das Risiko dauerhafter Ausschlüsse. Daraus folgt, dass Unterstützungsangebote stärker an die Vielfalt der Lebenslagen angepasst und konsequent aufeinander abgestimmt werden müssen. Dazu gehört neben den bereits erwähnten erforderlichen Maßnahmen insbesondere eine durchgängige Verzahnung von Sprachförderung, Berufsorientierung und Qualifizierung sowie eine stärkere Ausrichtung auf individuelle Unterstützungsbedarfe entlang des gesamten Übergangs- und Ausbildungsverlaufs.

Nur stabile Rahmenbedingungen ermöglichen wirksame Unterstützung

Dabei gilt: Wirksame Unterstützung kann nur unter stabilen Rahmenbedingungen gelingen. Einrichtungen am Übergang Schule-Beruf arbeiten vielfach unter unsicheren finanziellen Bedingungen. Kurzfristige Förderlogiken erschweren kontinuierliche Arbeit, gefährden gewachsene Strukturen und behindern den Aufbau verlässlicher Beziehungen zu jungen Menschen. Neben inhaltlichen Weiterentwicklungen müssen daher auch die strukturellen Rahmenbedingungen verbessert werden. Eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung ist Voraussetzung dafür, dass wirksame Unterstützung entlang des gesamten Übergangs- und Ausbildungsverlaufs überhaupt geleistet werden kann.

Insgesamt machen die Daten deutlich, dass die Herausforderungen am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nur dann wirksam bewältigt werden können, wenn früh ansetzende Prävention, individuell ausgerichtete Unterstützung und stabile strukturelle Rahmenbedingungen zusammengedacht und konsequent umgesetzt werden.

Ohne frühzeitige Unterstützung drohen Bildungsarmut und Ausbildungslosigkeit für einen wachsenden Teil junger Menschen zum strukturellen Risiko zu werden – mit unmittelbaren Folgen für Fachkräftesicherung, soziale Sicherungssysteme und gesellschaftlichen Zusammenhalt. NRW steht dabei in besonderer Weise vor dieser Herausforderung. Als bevölkerungsstärkstes Bundesland bündelt sich hier ein erheblicher Teil der bundesweiten Problemlagen, die sich zugleich besonders deutlich zeigen und zu verfestigen drohen.

Der Übergang Schule-Beruf muss daher als eine entscheidende Stellschraube für Fachkräftesicherung und soziale Stabilität verstanden und als Schlüsselstelle präventiver Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik konsequent gestärkt und strukturell weiterentwickelt werden.