»Wenn man keinen digitalen Zugang hat – dann hat man eben Pech«
Arnd Liesendahl weiß, was es heißt, am Rand der Gesellschaft zu leben. Fast zehn Jahre verbrachte der heute 57-Jährige auf der Straße in Köln – ohne feste Bleibe und lange ohne digitalen Zugang. Dabei erlebte er, wie entscheidend digitale Teilhabe für das Leben ist. Sein Appell: Arme Menschen verdienen die gleichen digitalen Zugänge wie alle anderen.
In seiner Zeit auf der Straße erhielt Arnd Liesendahl zwar verschiedene Hilfen, kehrte jedoch aufgrund seiner Depression immer wieder auf die Straße zurück. Enge Räume und viele Menschen in Unterkünften verstärkten seine psychischen Probleme, sodass er letztlich immer wieder das Leben auf der Straße wählte. Erst durch die Wohnhilfen Oberberg der Diakonie Michaelshoven konnte er 2022 in eine eigene Wohnung ziehen.
Besonders beklagt er den schlechten Zugang obdachloser Menschen zur digitalen Welt: »Wenn man auf der Straße ist, hat man keinen Zugang zur Digitalisierung. Kein Endgerät, keine Prepaidkarte, kein Geld für die Karte.« Dabei ist ohne Smartphone heute vieles kaum möglich. Die Wohnungssuche läuft fast ausschließlich über Online-Portale wie ImmoScout oder Kleinanzeigen. Auch soziale Kontakte würden heutzutage vor allem über Messenger wie WhatsApp oder Telegram gepflegt. Informationen über Hilfsangebote oder die Kommunikation mit dem Jobcenter ließen sich ebenfalls oft nur online einholen und organisieren.
Selbst wenn man ein Gerät besitze, stoße man schnell an Grenzen: Reparaturen oder technische Unterstützung seien schwer zugänglich. Während seiner Obdachlosigkeit fand Arnd Liesendahl WLAN nur an öffentlichen Orten wie am Bahnhof, Flughafen oder in der Stadtbücherei. Dabei sei es ihm in der Stadt verhältnismäßig gut ergangen: »Auf dem Land ist es noch schwieriger. In Wipperfürth gibt es nur am Rathaus WLAN – und auch das nur werktags.«
Als Lösung schlägt er Schulungen für wohnungslose Menschen vor: Sie sollten lernen, Handys sicher zu nutzen, einfache Probleme selbst zu beheben und Risiken im Netz zu erkennen. Denn »viele auf der Straße haben zwar ein Smartphone, aber sie wissen nicht, wie man es nutzt. Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich da reinzufuchsen.«
Zudem brauche es eine bessere Ausstattung mit Geräten – denn digitale Zugänge seien heute gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Teilhabe. Sein eigenes Handy konnte er sich erst nach anderthalb Jahren von Hartz IV ersparen. Deshalb fordert Arnd Liesendahl: »Es müsste feste Strukturen geben, dass arme Menschen denselben digitalen Zugang haben wie alle anderen.«
Schlüssel: Zugang zu Digitalisierung durch Ausstattung mit Technik, öffentliche WLAN-Angebote und Schulungen