»Das Problem ist: Wir sind in Deutschland«
Nächsten Sommer wird Jeannette Rath 50 Jahre alt. Kurz hat sie darüber nachgedacht, bis dahin ihr Abitur nachzuholen. Eine Chance, die ihr als Kind verwehrt blieb, weil ihre Mutter sie ins nächstgelegene Gymnasium hätte fahren müssen. Zur Hauptschule hingegen fuhr ein Bus. »Aber ich kann mir das gar nicht mehr alles merken«, sagt die Friseurin und Mutter dreier Söhne.
Nach ihrer zweiten Schwangerschaft entwickelt Jeannette Rath eine postpartale Depression. Nach der dritten Geburt verlässt sie ihr Mann – die Depression bleibt. Jeannette Rath ist alleinerziehend und funktioniert: als Mutter, für ihre Söhne, als Klassenpflegschaftsvorsitzende. Sie kommt gut aus mit dem, was sie hat, zahlt zuverlässig ihre Miete. Solange, bis der Sozialbau, in dem sie lebt, privatisiert und teurer wird, »der Große« auszieht und plötzlich 700 Euro im Monat fehlen. »Aber ich war zu stolz, zum Amt zu gehen und um Hilfe zu bitten.«
Stattdessen verliert sie ihre Wohnung. Das Ordnungsamt verweist sie an eine Notunterkunft. Die hygienischen Zustände machen es ihr unmöglich, dort zu wohnen.
Stattdessen ziehen die jüngeren Söhne zu ihrem Vater und Rath gibt das Sorgerecht an ihn ab. Sie selbst bekommt ein Zimmer in einer Frauen-WG der Diakonie Michaelshoven. Ein Glücksfall. »Hier kann man sehr gut wohnen, wenn man sich ein wenig an Ordnung und Sauberkeit hält«, sagt sie. Gerne möchte sie wieder regulär arbeiten, sich zur mobilen Alltagsbegleiterin fortbilden, um alleinlebenden Seniorinnen und Senioren helfen zu können. »Ich habe noch Schulden. Und um in die Privatinsolvenz gehen zu können, brauche ich einen Job.«
In der Insolvenzordnung heißt es dazu: »Ab Beginn der Abtretungsfrist bis zur Beendigung des Insolvenzverfahrens obliegt es dem Schuldner, eine angemessene Erwerbstätigkeit auszuüben und, wenn er ohne Beschäftigung ist, sich um eine solche zu bemühen und keine zumutbare Tätigkeit abzulehnen.«
Das Jobcenter unterstützt Jeannette Rath, braucht aber eine ärztliche Bescheinigung. Und die bekommt sie erst nach erfolgreicher Behandlung ihrer Depression. Als Selbstzahlerin könnte sie schon therapiert werden. »Aber das können sich nur Menschen mit viel Geld leisten.«
Daher wartet Rath auf einen Platz in der Tagesklinik. Drei Monate möchte sie dort daran arbeiten, mit ihrer Depression umzugehen, ohne Medikamente nehmen zu müssen. Sie möchte endlich wieder Pläne machen. »Im Moment weiß ich nie, wann und wie es weitergeht.« Und sie sei ein sehr ungeduldiger Mensch. »Aber in Deutschland dauert alles ewig, da braucht man für alles irgendeinen Schein.«
Früher, sagt sie, habe sie sich »ihr altes Leben« zurückgewünscht. Heute wolle sie das nicht mehr. »Denn eigentlich war ja nichts gut an dem Leben.« Einen Herzenswunsch hat sie aber doch: Sie möchte ihre Kinder zurück. »Aber erst, wenn ich bereit bin«, sagt sie. »Und das bin ich im Moment noch nicht.«
Schlüssel: Zugang zu Wohnraum durch Wohnprojekte und bezahlbaren Wohnraum