»Im Prinzip guckt man nur zu, wie andere Leute leben«
Heike Towae ging es lange Zeit gut. Sie hat zwei Ausbildungen, war erst als Sozialarbeiterin, dann als Köchin tätig – bis ein Hirninfarkt alles verändert.
Seit mittlerweile zehn Jahren lebt die 55-jährige Kölnerin mit Epilepsie, Erwerbsunfähigkeit und Armut. »Man muss plötzlich alles gleichzeitig stemmen – Anträge, Gutachten, Erwerbsminderungsrente – und das, während man eigentlich krank ist.« Unterstützung erfährt sie in dieser Zeit kaum.
Ihre Wohnung konnte sie halten, in den Job hat sie nicht mehr zurückgefunden. »Ich bräuchte Arbeitgeber, die akzeptieren, dass ich morgens anrufe: ‚Sorry, ich hatte eine Aura, ich kann heute nicht kommen.‘ Sowas gibt es nicht.« Die Angst, wie es weitergeht, ist ihr ständiger Begleiter. Vor allem der Zugang zu Nahrung ist für sie ein Dauerthema. »Gott sei Dank konnte ich damals direkt zur Tafel gehen. Heute gibt es Wartelisten und Aufnahmestopps.« Als gelernte Köchin ist sie immerhin vom Fach, sie kocht ein, verarbeitet Überschüsse, doch der Mangel bleibt spürbar.
Was ihr zusätzlich fehlt: Zugang zu Bildung und Information. Hier erlebt sie systematische Ausschlüsse: »Online gibt es überall Paywalls. Berichte über Armut, die Betroffene selbst nicht lesen können – das ist absurd.« Bei Tagungen werden in den seltensten Fällen Reise- und Übernachtungskosten übernommen. »Du bleibst immer außen vor.« Ihr Vorschlag: ein echter Bildungsetat im Regelsatz statt der jetzigen »lächerlichen zwei Euro«.
Nur vereinzelte Angebote sind ein Lichtblick. So wie die Kulturliste in Köln, die armutsbetroffenen Menschen Karten zu Konzerten oder ins Theater ermöglicht oder das 9-Euro-Ticket der Bahn im Sommer 2022. »Das war eine regelrechte Befreiung. Ich konnte Pausen machen, aussteigen, weiterfahren – so habe ich es bis zur Nordsee geschafft. Das war genial.«
Als einsam betrachtet sie sich nicht, Ausgrenzung spürt sie dagegen schon. »Am Anfang sagen Freunde noch: Komm, iss mit, wir laden dich ein. Aber irgendwann bist du der Schnorrer. Viele ziehen sich zurück.«
Für Heike steht fest: Armut ist kein individuelles Versagen, sondern die Folge fehlender Zugänge. »Das ist kein Grund, sich zu schämen. Das ist ein Grund, auf die Straße zu gehen.«
Schlüssel: Zugang zu Gesundheit durch bedarfsgerechte Regelsätze unter anderem für eine gesunde Ernährung