»Ich brauche nicht mehr so viel wie früher«
Kai Flader (46) kümmert sich als Krankenpflegehelfer in einer Rehaklinik in Nümbrecht intensiv um Schlaganfall-und Unfallpatientinnen und -patienten, bevor er selbst an einem Burnout erkrankt.
Nach Wiedereingliederung und Reha-Aufenthalt stellt die Arbeit gebende Klinik ihm ein Zimmer zur Verfügung. Als er zu Beginn der Coronapandemie seinen Job verliert, geht damit auch das Zimmer verloren. Flader ist arbeits- und wohnungslos, wendet sich an das Ordnungsamt und bekommt Obdach in einer Nümbrechter Notunterkunft.
Wesentlicher Auftrag der Kommunen ist, die Grundrechte von wohnungs- und obdachlosen Menschen zu schützen und damit auch Artikel 1 des Grundgesetzes zu gewährleisten: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Notunterkünfte sind Einrichtungen der Kommunen und bieten eine Anlaufstelle, um ein Leben auf der Straße zu verhindern. Eine Vorgabe, wie lange Hilfsbedürftige in der Notunterkunft leben dürfen, gibt es nicht. Solange jemand unfreiwillig obdachlos ist und keine Wohnung findet, besteht ein Recht auf Versorgung mit dem Nötigsten.
Kai Flader bleibt ein Jahr. Dann lernt er über die aufsuchende Hilfe Haus Segenborn in Waldbröl kennen. »Ich habe hier ein eigenes Zimmer bekommen und konnte erstmals wieder zur Ruhe kommen«, erinnert er sich. Zwei Jahre lebt er in dem Haus der Diakonie und wird durch Hilfe zur Selbsthilfe auf ein erneutes selbstständiges Leben vorbereitet.
Flader arbeitet in der hauseigenen Schreinerei, lernt, mit einer Aufwandsentschädigung von 80 Cent pro Stunde auszukommen, und wechselt bald von der Voll- in die Selbstversorgung. »Ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt. Mir hat es an nichts gefehlt«, sagt er rückblickend.
Heute lebt er in einer Zweier-WG. Arm fühlt er sich nur in Maßen. »Ich für mich brauche gar nicht mehr so viel wie früher«, sagt er. Aber seinem 15-jährigen Sohn würde er gerne mehr bieten können. Und daran arbeitet er. Davon, wieder als Krankenpflegehelfer Geld zu verdienen, hat der Arzt ihm abgeraten. Die Gefahr einer erneuten psychischen Überlastung sei zu groß. »Ich konnte die Schicksale der Patienten einfach nicht abschütteln«, erzählt Flader.
Stattdessen möchte er nun denen helfen, deren Leben er aus der Innensicht kennt. Sein Ziel ist ein Job in der Wohnungslosenhilfe. Das Jobcenter unterstützt ihn dabei. »Für mich ist klar, dass ich mit Betroffenen ganz anders reden kann als ein Sozialarbeiter.« Eine erneute Ausbildung sei für ihn finanziell nicht drin, aber eine Weiterbildung zum Alltagshelfer, die möchte er »so schnell wie möglich« machen. Angst, erneut zu erkranken, hat er nicht. »Früher hätte ich jemanden gebraucht, der mich gebremst hätte. Aber ich habe daraus gelernt. Heute kann ich auch sagen:,Leute, ohne mich‘«.
Schlüssel: Zugang zu Gesundheit durch Unterstützung und individuelle (psychologische) Betreuung